Wa(h)re Nächstenliebe

Ein Interview mit Carsten Frerk

Obwohl Caritas und Diakonie formal nicht zur „verfassten Kirche“ gehören, prägt ihre Arbeit für die Mehrheit der Bevölkerung wesentlich das Bild von Kirche. Dabei gerät häufig in Vergessenheit, dass die beiden kirchlichen Sozialkonzerne nur „Träger“ der sozialen Dienste sind und ihre Arbeit (wie die Kolleginnen und Kollegen von Arbeitswohlfahrt oder Deutschem Roten Kreuz) innerhalb des Rahmens staatlicher Sozialfürsorge verrichten. Doch nicht nur deshalb lohnt ein genauerer Blick auf die kirchliche Wohlfahrtspflege: bei nahezu 1,5 Millionen Beschäftigten sehen wir uns dem weltweit größten privaten Arbeitgeberverbund gegenüber; ein Jahresumsatz von rund 45 Milliarden Euro führt die ökonomische Bedeutung vor Augen. Der Sozialwissenschaftler Carsten Frerk hat diesen Bereich untersucht und die Ergebnisse als Buch veröffentlicht.

MIZ: Was würdest du als zentrales Ergebnis deiner Recherchen ansehen?

Carsten Frerk: Den geringen Eigenanteil, d.h. die „Kirchenquote“ von nur 1,8 %, mit der die beiden Kirchen zur Finanzierung der Arbeit „ihrer“ Wohlfahrtsverbände beitragen.

MIZ: Hattest du diese geringe Größenordnung erwartet?

Frerk: Nein. Auch wenn mir bekannt war, dass z.B. in konfessionelle Krankenhäuser kein Cent Kirchengeld fließt, habe ich doch – wie wahrscheinlich die meisten Menschen in Deutschland – angenommen, dass die Kirchen einen deutlich höheren Anteil der Arbeit von Caritas und Diakonie finanzieren.

MIZ: Lässt sich denn sagen, für was diese Kirchengelder konkret eingesetzt werden?

Frerk: Ja. Es werden im Grunde nur drei Bereiche damit bezuschusst: die Kindertagesstätten – wo der Nachwuchs der Kirchensteuerzahler erzogen wird; die Beratungsstellen – von denen die Ratsuchenden gegebenenfalls in die dahinter liegenden (und öffentlich finanzierten) stationären Einrichtungen geschleust werden; und schließlich die Funktionäre der Verbandsarbeit.

MIZ: Wie muss ich mir das vorstellen, dass Beratungsstellen Ratsuchende „weiterschleusen“? Kannst du das anhand eines Beispiels verdeutlichen?

Frerk: Nehmen wir die Mutter-Kind-Kuren. Obwohl die Verbände der freien Wohlfahrtspflege alle im Müttergenesungswerk formal miteinander arbeiten und es auch ein Gesamtverzeichnis aller Einrichtungen existiert, gibt jeder Verband noch eigene Broschüren heraus, in der nur die katholischen bzw. evangelischen Einrichtungen aufgelistet sind. Nicht dass da etwa eine katholische Mutter mit ihren Kindern in einer evangelischen Einrichtung oder gar etwa bei der Arbeiterwohlfahrt kurt und die dann das Geld dafür kassieren.

MIZ: Wie ist es eigentlich zu der Studie gekommen?

Frerk: Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di hatte mich gefragt, ob ich das Kapitel über Caritas und Diakonie in meinem Buch über die Finanzen der Kirchen nicht ausführlicher bearbeiten könne und hat dann dafür auch eine Anschubfinanzierung bereitgestellt.

MIZ: Woher kommt dieses Interesse? Die arbeitsrechtliche Sondersituation im kirchlichen Bereich besteht ja seit langem, ohne dass die Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten besonders entschlossen dagegen angetreten wären. Ich hatte immer den Eindruck, sie schätzen dies als „Nebenkriegsschauplatz“ ein.

Frerk: Innerhalb von ver.di ist eine eigene Fachgruppe „Kirche, Diakonie und Caritas“ gebildet worden. Die Gewerkschaften haben inzwischen erkannt, dass die Interessen der dort rund 1,5 Mio. Beschäftigten nicht genügend vertreten wurden. Und es ist natürlich ein gewerkschaftliches Eigen-Interesse, auch in diesem Bereich Mitglieder zu organisieren.

MIZ: Ist Caritas und Diakonie in Deutschland die zwingende Ergänzung zu Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland?

Frerk: Es ist sozusagen die „Zwillingsschwester“, da immer wieder von den Kirchen behauptet wird, dass die sozialen Einrichtungen in ihrer Trägerschaft ohne die Finanzierung aus der Kirchensteuer nicht bestehen würden. Das galt es zu klären und zu überprüfen.

MIZ: Wie gestalteten sich die Nachforschungen? War es schwierig, das Datenmaterial zusammenzutragen?

Frerk: Es war recht schwierig, da jeder Tätigkeitsbereich andere gesetzliche Rahmenbedingungen und Grundlagen hat, die Finanzierung anders funktioniert und auch die Trägerstrukturen jeweils unterschiedlich sind. Für jeden Bereich war es ein neues Terrain, in dem ich mich erst einmal orientieren musste. Zudem ist das Datenmaterial – außer Globalstatistiken – bei Caritas und Diakonie nicht vorhanden.

MIZ: Welche Erfahrungen hast du bezüglich der Auskunftsbereitschaft kirchlicher Einrichtungen gemacht?

Frerk: Abgesehen davon, dass die meisten Träger nur über sich selbst etwas wissen, aber nichts über den gesamten Tätigkeitsbereich in dem sie arbeiten, gab es einen deutlichen Unterschied zwischen Caritas und Diakonie. Die Zentrale der Caritas in Freiburg war stets bereit, mir angefragte Daten zu übermitteln. Das Diakonische Werk dagegen ‘mauerte’ auf allen Ebenen einschließlich der Pressestelle in Berlin und der Hauptgeschäftsstelle in Stuttgart.

MIZ: Hat schon jemand reklamiert, dass irgendwelche Daten nicht stimmen?

Frerk: Der Vizepräsident des Diakonischen Werkes hat empört gesagt, dass die Summe der Mitgliedsbeiträge der Einrichtungen für die Arbeit der Hauptgeschäftsstelle zu hoch sei. Das war allerdings eine Zahl, über die ich mit ihm persönlich telefoniert hatte und deren Nennung er mir explizit verweigert hatte. Sonst habe ich bisher nichts Substantielles gehört. Die Caritas schweigt.

MIZ: Du arbeitest gerade im Rahmen der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (FoWiD) an einem umfangreicheren Statistik-Projekt. Hat sich bei diesen Recherchen etwas grundlegend Neues zum kirchlichen Sozialbereich ergeben?

Frerk: Nein.

MIZ: Was lässt sich nach deiner Auffassung aus den Daten politisch ableiten?

Frerk: Wenn die Kirchen „ihre“ Wohlfahrtsverbände nicht überwiegend selber finanzieren, dann müssen dort auch die allgemeinen Arbeitsbedingungen eingeführt werden. Der besondere Schutz für „Tendenzbetriebe“ sollte nur für Wirtschaftsunternehmen gelten, die nicht mit öffentlichen Geldern finanziert werden.

MIZ: Nun gibt es ja Einrichtungen mit einer „Mischfinanzierung“. Wo würdest du die Grenze ziehen, was noch als Tendenzbetrieb gelten darf?

Frerk: Ich meine, dass nur ein privat-gewerbliches Unternehmen – wie Tageszeitungsverlage – oder komplett aus Verbandsmitteln finanzierte kirchliche Einrichtungen – wie Priesterseminare – als Tendenzschutzbetriebe einen Sonderstatus haben dürften. Die Annahme von öffentlichen Geldern sollte auch zwingend zur Anwendung des normalen Arbeitsrechtes führen.

MIZ: Gibt es innerkirchliche Überlegungen, das Verhältnis zu den Sozialkonzernen oder zum Sektor sozialer Arbeit insgesamt zu verändern?

Frerk: Im katholischen Bereich gibt es Überlegungen und Aktivitäten, das Gesamtvolumen zurückzufahren. Die Logik dabei ist: Lieber einen kleineren Verband, der ‘glaubensstärker’ ist, als einen laschen Großverband. Im Evangelischen ist es wie immer unübersichtlicher, aber es gibt dort durchaus Diskussionen und Standpunkte, das Diakonische Werk aus dem Landeskirchen- und EKD-Verbund herauszulösen.

MIZ: Welche Zielsetzung würdest du den säkularen Verbänden raten?

Frerk: Auf den bestehenden Etikettenschwindel beharrlich hinzuweisen und zu verdeutlichen, dass die Tätigkeit aus so genannter „Nächstenliebe“ nur eine fromme Legende ist. Wenn die Kirchen sich zur öffentlich finanzierten Sozialkirche wandeln wollen, dann muss immer wieder deutlich gemacht werden, dass es nicht ihre eigene Leistung ist.

MIZ: Wir danken für das Gespräch.

Ursprünglich erschienen MIZ 3/05