Konfessionell gebundene Kindertagesstätten in Deutschland

Die beiden großen Kirchen in Deutschland werben gerne damit, dass sie umfangreiche soziale Leistungen für die gesamte Gesellschaft erbringen. In diesem Zusammenhang wird dann auf den Betrieb der konfessionellen Kindertageseinrichtungen verwiesen. Und tatsächlich glauben viele Menschen, dass diese vollumfänglich oder zumindest in hohem Maße auch aus Geldern der Kirchen bezahlt werden. Wo Kirche draufsteht, ist doch auch sicher Kirche drin, so die landläufige, aber falsche Meinung.

Das Subsidiaritätsprinzip

Das sogenannte Subsidiaritätsprinzip ist die Grundlage für das deutsche System der Kindertagesstätten. Darunter ist zu verstehen, dass Aufgaben, die kleine Einheiten gut erfüllen können, nicht an größere Einheiten übertragen werden sollen. Idealtypisch sollen also staatliche Aufgaben zuerst durch untergeordnete, lokale Glieder wie Städte oder Gemeinden erbracht werden, bevor größere Einheiten wie die Länder oder der Bund diese übernehmen. Im Konservativismus und Liberalismus ist weiterhin die Vorstellung beherrschend, dass freie, also nicht-staatliche Träger staatlichen vorzuziehen sind. Zurück geht das Subsidiaritätsprinzip übrigens auf die katholische Soziallehre und päpstliche Sozialenzykliken. Das an sich durchaus als vernünftig anzusehende Prinzip, kleine Einheiten gegenüber größeren zu bevorzugen, hat im Bereich der Kindertagesstätten allerdings zu einer fragwürdigen Entwicklung geführt.

Christianisierung des Sozialsystems

Die Christianisierung des Sozialsystems ist zurückzuführen auf die Politik der christlichen Parteien. Kurz vor der Bundestagswahl 1961 wurden Änderungen des Bundessozialhilfegesetzes und des Jugendwohlfahrtsgesetzes durchgedrückt, die mit Verweis auf das Subsidiaritätsprinzip festlegten, dass freie und damit vor allem kirchliche Träger öffentlichen vorzuziehen seien.1 Dies war die Geburtsstunde der christlichen Vorherrschaft im sozialen Bereich. Was das konkret für die Kindertagesstätten in Deutschland bedeutet, lässt sich am besten an konkreten Zahlen verdeutlichen. Laut einer Untersuchung von Carsten Frerk gab es zum 1. März 2009 in Deutschland insgesamt rund 50.000 Kindertageseinrichtungen, in denen etwa drei Millionen Kinder betreut wurden. Die katholische Kirche betreibt davon knapp 9.400 Einrichtungen und die evangelische Kirche runde 8.300 Kindertagesstätten. In Prozentzahlen ausgedrückt sind 34 Prozent der Kitas in staatlicher Trägerschaft und 66% in freier Trägerschaft. Zu den freien Trägern gehören allerdings nicht nur die Kirchen sondern auch Sozialverbände. Bezogen auf alle Kinder in allen Kindertagesstätten sind in Deutschland 36,2% der Kinder in konfessionell gebundenen Kitas untergebracht.2 Was nun zunächst noch nach einer ausreichenden Anzahl an nicht-konfessionellen Kitas aussieht, wird dann aber problematisch, wenn man sich die regionalen Unterschiede ansieht. Denn in einigen Regionen verfügen die Großkirchen über regelrechte Monopole. So ist zum Beispiel in Bayern der Anteil an konfessionell gebundenen Kindergärten besonders hoch, in ländlichen Regionen ist teilweise weit und breit keine weltanschaulich neutrale Alternative zu finden. So sind auch Kinder von Konfessionsfreien oder Andersgläubigen gezwungen, ihre Kinder in christliche Einrichtungen zu geben. Höchst problematisch ist dies aber auch für die Mitarbeiter, so kann ein Kirchenaustritt zur Kündigung führen und konfessionslose Erzieherinnen und Erzieher haben kaum eine Chance, in solchen Regionen einen Arbeitsplatz zu finden. Denn die kirchlichen Träger der Kitas beharren oft auf einer Kirchenmitgliedschaft der Jobsuchenden.

Die Finanzierung der Kindertagesstätten

Wie bereits eingangs erwähnt, ist die Vorstellung weit verbreitet, die Kirchen würden ihre Kindertagesstätten großzügig finanziell unterstützen. Dies entsprich jedoch nicht der Realität. Tatsächlich werden die Kindergärten nach Recherchen von Ullrich Schauen je nach Bundesland zwischen 80 und 100 Prozent bezuschusst. So sind es etwa in Nordrhein-Westfalen 88% und in Hamburg 100% der Kosten, die der Staat übernimmt.3 Auf ganz ähnliche Zahlen kommt auch der Experte für Kirchenfinanzen Carsten Frerk in seinem Buch Caritas und Diakonie in Deutschland. Frerk schreibt: „Nach einer bundesweiten Einschätzung beträgt der staatliche Anteil an der Finanzierung konfessioneller Kindertagesstätten ca. 75% der laufenden Kosten, 15% sind Elternbeiträge und rund 10% tragen die Kirchen bei.“4 Dabei lässt sich in den letzten Jahren zusätzlich noch die Tendenz feststellen, die ohnehin geringen Beiträge der Kirchen noch weiter zurückzufahren. So schildert Carsten Frerk in seinem Violettbuch Kirchenfinanzen Fälle, wo kirchliche Träger Kommunen mit der Androhung von Schließungen ihrer Kindertagesstätten regelrecht erpresst haben.5

Staatlich finanzierte Diskriminierung und Missionierung

Auch wenn sich die Zahlen von Bundesland zu Bundesland unterscheiden, liegt der Löwenanteil der Finanzierung kirchlicher Kindertagesstätten immer beim Staat. Dafür sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass auch die Kinder von Anders- und Nichtgläubigen diese Einrichtungen besuchen können. Das ist jedoch längst nicht immer so. So wollte 2007 die Landesregierung von NRW festlegen, dass Träger von Kitas bei der Aufnahme keine Bevölkerungsgruppen diskriminieren dürfen. Doch dies wussten die Lobbyisten der Kirchen erfolgreich zu verhindern und setzten durch, dass die Kirchen auch weiterhin schalten und walten dürfen, wie sie wollen. So werden in der Folge von Schließungen von Kindergärten in NRW nicht-katholische Kinder abgewiesen, wenn die Kapazitäten der katholischen Kitas erschöpft sind.6 Das ist allerdings nicht die Regel, denn mehrheitlich begreifen die Kirchen das Fehlen staatlicher Alternativen als Chance. Und zwar als Chance, kleine Kinder zu missionieren. Daraus macht zum Beispiel der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD Bischof Huber auch keinen Hehl: „In kirchlichen Kindertagesstätten dagegen finden sich regelmäßig ungetaufte Kinder, Kinder aus anderen Religionen oder auch aus dezidiert säkularen Familien. Das heißt mindestens zweierlei: Erstens bieten sich missionarische Chancen für die christlichen Kindertagesstätten. Indem sie ungetauften Kindern inspirierende Erlebnisse mit dem Bildungsmaterial des christlichen Glaubens ermöglichen, laden sie auf menschenfreundliche und unaufdringliche Weise zum Glauben an Jesus Christus ein.“7

 


1Vgl. G. Czermak: Religion und Weltanschauung in Gesellschaft und Recht, Aschaffenburg, 2009, S. 362.

2Vgl. C. Frerk: Violettbuch Kirchenfinanzen, Aschaffenburg, 2010, S. 139f.

3Vgl. U. Schauen: Das Kirchenhasser-Brevier, München, 2010, S. 21.

4C. Frerk: Caritas und Diakonie in Deutschland, Aschaffenburg, 2005, S. 190. (Anm d. Verfassers: Frerks Einschätzung basiert auf dem Jahr 2002)

5Vgl. C. Frerk: Violettbuch Kirchenfinanzen, Aschaffenburg 2010; S. 141-144.

6Vgl. U. Schauen: Das Kirchenhasser-Brevier, München, 2010, S. 75f.

7http://www.ekd.de/vortraege/huber/090128_huber_bochum.html [16.11.2010]